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Bommmel - die Geschichte einer Rassehäsin

Ein Erfahrungsbericht über Aggression als Verhaltensmuster

Ein neues Kaninchen

Bommel war die sofortige Liebe meines Mannes. Die knapp einjährige Russenhäsin mit der Nummer 67 in der untersten Reihe auf einer Lokalschau musste es sein. Ausgesucht, gekauft und selig heim gefahren. Wir richteten ihr Quartier her und verschüchtert zog sie ein und verkrümelte sich erst mal in ihr neues Zuhause.
Sollte Sie erst mal Ruhe tanken, schliesslich hatte sie eine anstrengende Ausstellung hinter sich und jetzt ein neues Zuhause, neue Eindrücke und Gerüche, da braucht Kaninchen schon mal eine Erholungsphase. Ihre Eingewöhnung erfolgte wie aus dem Bilderbuch, sie frass auch sofort, war zwar kein Frischfutter gewöhnt, aber für diese Erneuerung durchaus offen.

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Jede Menge Probleme

Aber das erste Problem war, ihr auch das Futter geben zu können. Als ich die Vordertür öffnete, sprang sie fast fauchend, mit tief angelegten Ohren und weit aufgerissenem Mäulchen auf mich zu und schon hatte ich sie an der Hand hängen. Ich entwickelte eine erstaunliche Schnelligkeit im Käfig öffnen und Napf rausholen, aber keine Futtergabe ohne Biss. Nach sieben Tagen fütterte ich mit einem Backhandschuh, ich hatte genug eingesteckt. Und obwohl Sie Frischfutter mochte, biss sie auch erst wild um sich, so dass ich bspw. das Apfelstück einfach nur noch entnervt reinschmiss. Grunzend warf sie sich dann drauf und mit einem misstrauischen Seitenblick schlang sie alles runter, was ich ihr hinstellte oder hineingab.

Ich liess mich nicht entmutigten und war der Meinung, dass es nach einer Weile an der Zeit war, sie mit dem Menschen mehr vertraut zu machen. Es kam der Tag, an dem Bommel uns auf der Coach besuchen sollte. Soweit fand sie auch alles toll, klopfte mal hier, mal da, aber im Grossen und Ganzen schien es ihr Spass zu machen.
So dachte ich mir auch nichts dabei als sie hinter meinem Rücken herging, war sogar fast stolz darauf, dass sie keine Angst mehr zu haben schien, freute mich über ihr frischgewonnenes Vertrauen, als ich einen sehr schmerzhaften Biss in der Taille spürte. Mir standen vor Schmerzen die Tränen in den Augen, Blut floss und ich versuchte, so ruhig wie es mir möglich war, sie zu nehmen, als ich den nächsten Biss in der Innenseite des Unterarms hatte. Sie brummte, klopfte und attackierte mich regelrecht. Irgendwann bekam ich sie zu packen und verfrachtete sie in den Käfig.

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Totale Resignation

Während ich meine Wunden versorgte, und über meine letzte Tetanusimpfung nachdachte, wuchs der Gedanke in mir, sie zurück zu geben. Nichts, was man für sie tat, wurde auch nur irgendwie belohnt und die Bisse, die sie mit bis dato verabreicht hatte, waren wirklich nicht mehr zählbar. Ich war dermassen wütend und resignierte letztendlich auch.

Am nächsten Morgen rief ich bei dem Züchter an, er meinte, es sei jetzt ihre Zeit und da sind sie schon mal unleidlich. Aha, unleidlich nennt man das also. Im Laufe des Gespräches mit dem Züchter reifte meine Überzeugung, dass ich sie dahin nicht zurück geben konnte. Ihre Bewertung war nicht allzu gut, und Ihr Weg dadurch resultierend vorprogrammiert gewesen. Sie hätte für den Bräter zwar ne Menge hergegeben, aber das wollte ich dann nun doch nicht.

Während des Telefonats beobachtete ich Bommel, wie sie in ihrem Käfig rumpusselte. Diese wunderschöne Häsin, mit der schwarzen rassespezifischen Zeichnung und den fast violetten wirkenden Augen musste doch zu erobern sein.

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Noch mal von vorne

Wir fingen also mutig noch mal von vorne an, keine Backhandschuhe mehr, es musste auch anders gehen.
Jedesmal wenn ich an Bommel vorbeiging, sprach ich sie an. "Na, Du Süsse", "Meine kleine Rackerliese", flötete zärtlich "Und heute schon gebissen?" Ich redete mit Bommel mehr, als mit meiner kompletten Familie und reichte so ab und an Snacks durch die Gitterstäbe. Natürlich kam sie in gewohnter Manier an, gestreckte Haltung, vorgestreckter Kopf, laut brummend, um dann das Leckerchen zu nehmen. Und während sie es mir aus der Hand riss, streichelte ich sie mit den Fingerspitzen, wo ich gerade rankam.

Beim Napf wechseln war ich mittlerweile so gut trainiert, dass sie da nicht mehr mitkam, aber bevor ich den wieder gefüllt reinstellte, bot ich ihr den erst mal am Türchen an. Sie schnellte wieder hervor, stoppte abrupt, ich lockte mit zärtlichen Worten, sie nahm einen Haps mit hektischem Seitenblick und ging wieder zurück. Vorsichtig stellte ich den Napf rein, hörte sie zwar noch brummen, aber es gab keine Attacke mehr.

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Kleine Erfolge

Mit der Zeit wurde es immer besser - sie nahm alles, was ich ihr anbot auch durch die geöffnete Klappe. Sie schoss zwar regelrecht auf mich zu, brummte dabei auch, aber sie biss nicht mehr. Und ich fing an, sie über das Nasenbein zu streicheln. Sie reckte mir ihre Nase entgegen und ich krabbelte sie vorsichtig an den Tasthaaren. Wohlig schloss sie ihre Augen und entspannte sich sichtlich. Ich streichelte weiter über den Kopf, über die Augen, wieder an den Tasthaaren, dann an den Kopfseiten, usw. Ich blieb jedoch beim Kopf, das war Aufregung und Vertrauenbezeugung für uns beide genug.

Ab diesem Tag gab es kein "Lecker" mehr ohne Streicheleinheit und nach ein paar Tagen weitete ich die Liebkosungen aus und strich ihr vorsichtig, vom Kopf angefangen über den ganzen Körper. Wir beide waren sehr aufgeregt, wenn sie mich jetzt beissen würde, dann hätte ich verloren, dann wäre die ganze Aufbauarbeit zerstört. Leise redete ich mit ihr und strich über ihren ganzen Körper. Ich setzte die Hand nie ab, sondern hatte immer Kontakt zu ihr. Und ich traute mich dann tatsächlich auch unter den Buch zu fassen, sie hob kurz ihren Kopf, um dann aber erneut sich in Schläfrigkeit und Genuss hinzugeben. Mir schlug das Herz bis zum Hals - es war jedoch nicht nur Aufregung, sondern Freude. Das war ein Riesenschritt, für beide und da war noch Potential!

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Wie komme ich an den Napf?

Das nächste Problem war der Napf! Bommel ist eine kräftige, aktive Häsin - den Napf rum zu schleppen oder gar zu werfen, ist für sie kein Problem. Hinzu kam, dass sie ihn mit Freude einbuddelte, wenn er leer war. Ich musste in Ruhe an diesen Napf kommen, und es kam der Tag, an welchem ich es versuchen wollte. Ich öffnete die Vordertür, Bommel schnellte wie immer hervor, reckte den Kopf vor und brummte mich an. Ich streichelte sie an der vorgereckten Nase, was sie sichtlich genoss, wanderte über ihren Körper, liess den Unterarm auf ihrem Körper, hielt den Kontakt und konnte mit der Hand ganz bequem den Napf hervorsuchen, als auch rausholen. Während ich ihn füllte, wartete sie bereits freudig ungeduldig, nahm wesentlich ruhiger als früher den ersten Bissen und in Ruhe konnte ich ihn reinstellen.

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Erfolg auf der ganzen Linie

Ihr Blick war nicht mehr so hektisch, sie schlang nicht mehr alles einfach runter, heute teilt sie sich das Futter in aller Ruhe ein. Heute kann man die Finger durch die Gitter stecken, sie kommt immer noch brummend vorgeschnellt, aber nur um die reingestreckten Finger freudig zu markieren. Selbst wenn man Leckerchen im Wechsel gibt, weiss sie genau, wann sie das nimmt, oder wann da keins ist und dann wird wieder markiert. Immer und immer wieder reibt sie ihr Kinn über die Hand, bis sie der Meinung ist, das es jetzt reicht, das sei ja jetzt sowieso ihrs und dann wirft sich regelrecht in Ihre Lieblingsecke, legt sich auf die Seite und brummt leise vor sich hin.
Man kann sich mit der Hand zu jeder Tages- oder Nachtzeit nähern, das Verhaltensmuster mit Brummen, Vorschnellen, Ohren tief anlegen und Kopf vorrecken ist geblieben, aber jetzt wird durch Anstupsen nach Streicheln verlangt, ausgiebig markiert, auch mal kurz abgeleckt, aber gebissen wird nicht mehr! Und erfreulicherweise bezieht sich das nicht nur auf meine Person, sondern tatsächlich auf alle!

Bommel ist jedoch kein Schmusekaninchen im Sinne von stundenlangen Streicheleinheiten auf dem Arm und ähnliches. Sie liebt ihren Auslauf, kommt auch schon mal aufs Sofa, aber diese Zeit sucht sie sich selber aus. Dann darf man sie auch knubbeln, ach, was heisst darf, es ist mehr als erwünscht. Und wenn Mensch nicht so spurt, dann wird man schon mal mit Nachdruck in die Seite gepufft, aber nicht mehr gebissen. Hier heisst es einfach, Ihr Respekt zu zollen, ihre persönlichen Eigenschaften zu akzeptieren und dankbar zu sein, wenn die zärtlichen 15 Minuten gekommen sind ;-).

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Die letzte, grosse Herausforderung

Das letzte Problem, was sich Bommel und mir stellte, war das Krallen schneiden. Und auch hier musste ich auf Bommel eingehen, die einzige Forderung, die ich durchsetzen wollte und auch musste, war das Kürzen der Krallen. Das Schneiden der Krallen ist ein Prozedere der besonderen Art. Ich setzt Bommel dafür immer auf eine Polsterunterlage auf die Waschmaschine und unter viel Reden und ständigem Körperkontakt werden die Krallen geschnitten.
Das heisst wenn ich an der Hinterpfote die Krallen schneide, wobei ich das Bein nur leicht unterfasse und anhebe, liegt meine Wange an Bommels Seite und sie markiert meinen Hals, mein Ohr oder geht über meine Haare. Es wäre ein leichtes für sie, mir mit der Hinterpfote durchs Gesicht zu fahren, aber hat sie noch nie getan und ich hoffe, sie wird es auch nie.

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Warum - die Suche nach Gründen

Ich weiss nicht, was dieser Häsin widerfahren ist. Vielleicht war es das Trauma der Trennung von Mutter und Geschwister, oder ein Erlebnis mit Menschen. Im Resümee gehe ich davon aus, dass Sie unschön aus ihrer Familie gerissen worden ist, der Züchter die Fragilität ihrer Persönlichkeit nicht erkannt hat, irgendwas mit der Fütterung hat wohl auch nicht geklappt, ihr anfängliches Futterverhalten glich einer unkontrollierten Völlerei und zuzüglich könnte auch noch ein versuchter Deckakt, der völlig daneben ging, eine Rolle gespielt haben.

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Happy-End

Tatsächlich gehört Bommel zu den Kaninchenindividualisten und hat sich als nicht verpaarungsfähig gezeigt. Ich habe es mehrfach versucht, der Misserfolg jedes Versuches war niederschmetternd. Vielleicht war es der angesprochene Deckakt, oder es ist die Angst vor erneutem Verlust.

Bommel ist ein tolles Kaninchen geworden, sicherlich mit "eigenem Kopf", aber auch sehr liebesbedürftig. Das Vorschnellen, Kopf strecken, Ohren anlegen und dabei brummen ist geblieben, aber nicht mehr aussagekräftig. Es ist nur noch ein Ritual, eine nicht gerade liebenswerte Angewohnheit, ein Verhaltensmuster, jedoch völlig ungefährlich!
Und wenn Bommel mich mit all ihrer Zuneigung markiert, dann denke ich oft: "Ja, das war den ganzen Aufwand wert!"

Bommel

A. H.-F. 06-2002
update 11-2002


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