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Als ich den "Polizeichef" traf

Es war einmal vor vielen Jahren ... (Ihr könnt ruhig weiterlesen, es wird kein Märchen, nur wußte ich leider keinen besseren Anfang) in einer kleinen Stadt im Rheinland. Mein Vater war schon seit einigen Jahren Kaninchenzüchter und beschäftigte sich mit der Zucht der Hellen Großsilber. Ich beschloß, ihn tatkräftig zu unterstützen, und so kam es, daß ich schon im Alter von zehn Jahren in die Kaninchenzucht eingeführt wurde.

Daß mein Vater kein Freund von halben Sachen war, wurde mir spätestens klar, als er mir zu verstehen gab, daß ich in seiner Abwesenheit für unsere "Mannschaft" verantwortlich war, was nicht nur dann und wann ein bißchen Streicheln hieß, sondern täglich sorgfältige und pünktliche Fütterung sowie einmal wöchentliches Ausmisten bedeutete. Diese "Bedingungen" schienen mir akzeptabel, und die Kaninchenzucht nahm fortan einen festen Platz in meinem Tagesablauf ein.
Nach der Schule wurde schnell gegessen, ein bißchen Hausaufgaben gemacht (mehr oder weniger freiwillig) und dann schnell in die Kaninchenfarm zu unseren Tieren.

Nachdem so einige Wochen ohne nennenswerte Vorkommnisse ins Land gingen, ereignete sich folgendes: An einem Nachmittag im Juni, ich kam wie jeden Tag in unsere Gemeinschaftszuchtanlage "Kaninchenfarm", in der neben uns noch 13 andere Züchter ihre Tiere haben, und bemerkte sofort daß etwas anders war als sonst. Ich ging zu unserer Stallanlage, um meinen Vater zu begrüßen, konnte ihn jedoch nicht finden. Nun war meine Neugierde geweckt, und ich machte mich auf, "nach dem Rechten zu sehen".
Nach einiger Zeit fand ich nicht nur meinen Vater, sondern auch alle anderen Züchter unseres Vereins in der Zuchtanlage eines anderen Kollegen versammelt, die mir folgendes Bild boten: Es standen zwölf Männer ziemlich laut diskutierend um einen Tisch herum, den ich aus meiner Position leider nicht einsehen konnte. Aus den Gesprächen konnte ich entnehmen, daß sich ein Züchter zwei neue Zuchttiere aus der Pfalz von einem sehr namhaften Züchter hatte schicken lassen. Nachdem ich versuchte, auf mich aufmerksam zu machen, reichte man mich nach vorne durch. Als ich nun freien Blick auf den Tisch hatte, sah ich etwas, was ich bis zu diesem Augenblick in dieser Form noch nicht gesehen hatte.

Blauer Wiener

Es war ein ca. 5 kg schweres Kaninchen, das auf zwei kurzen und sehr kräftigen Vorgestellten frei vom Boden halbhoch mit einer eben verlaufenen Rückenlinie stand, eine sehr schöne und ausgeprägte Walzenform zeigte, einen hervorragenden Kopf mit einer ausgeprägten Stirn- und Schnauzbreite sowie in seiner Länge und Konstitution dazu passende Ohren zeigte. Die Deckfarbe erschien in einem warmen gleichmäßigen Mittelblau. Allein der Anblick dieses Tieres faszinierte mich schon, aber noch mehr beeindruckte mich die Gelassenheit, ja, ich möchte fast sagen der Stolz, den es zum Ausdruck brachte, denn obwohl so viele Leute an ihm "herummachten", gab es nicht eine Sekunde seine erhaben wirkende Stellung auf.

Nachdem ich mich wieder etwas gefangen hatte, wollte ich natürlich wissen, was das für eine Rasse ist und warum unsere Tiere nicht so schön auf dem Tisch stehen. Der Besitzer erzählte mir dann, daß diese Rasse "Blaue Wiener" heißt und daß dieser Rammler jetzt der "Polizeichef" von der Kaninchenfarm sei. Daß das mit dem Polizeichef nur Blödsinn war, verstand ich sofort, fand diesen "Titel" aber nicht nur originell, sondern auch irgendwie passend. Ich machte mich zusammen mit meinem Vater auf den Weg zu unserer Anlage, merkte jedoch sofort, daß etwas nicht mehr so war wie vorher. Auf diesem Weg versuchte ich ihm klarzumachen, daß wir die Rasse wechseln müßten, denn diese Blauen Wiener waren meiner Meinung nach des "Rätsels" Lösung. Ohne große Diskussion wurde mir zu verstehen gegeben, daß zum einen unsere Zuchtanlage für zwei Rassen zu klein wäre, und er überhaupt nicht daran denken würde, seine Hellen Großsilber aufzugeben. Da ich als jugendlicher keine eigene Zuchtanlage bekam, war für mich klar, daß es hier ein "dickes Brett" zu bohren galt.
Bei jeder Ausstellung, die wir besuchten, zog es mich sofort zu den "Blauen", und wann immer ich nach einem Wunsch gefragt wurde, kam von mir nur eine Anwort: Blaue Wiener. Daß Beharrlichkeit auch eine Tugend ist und frei nach dem Motto "Steter Tropfen höhlt den Stein" zum Erfolg führen kann, zeigte sich erst einige Monate später.

Wir waren bei einer Ausstellung und standen wieder einmal vor den Blauen Wienern, als mein Vater mir plötzlich und für mich zu diesem Zeitpunkt völlig unerwartet folgendes Angebot machte: "Wenn du immer noch Blaue Wiener züchten willst, kaufe ich dir ein Zuchtpaar und stelle dir zwölf Buchten zur Verfügung. Für diese Ställe und deine Tiere bist du ganz alleine verantwortlich, d. h. für die Zusammenstellung der Zuchtpaare, die Fütterung und Pflege der Tiere, Beschicken von Ausstellungen und die Selektion der Tiere bist nur du zuständig. " Alle finanziellen Dinge würde er solange für mich übernehmen, bis ich eigenes Geld verdienen würde. Daß er mir immer mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, war mir klar, und so fiel es mir nicht schwer, diese Bedingungen zu akzeptieren.
Endlich hatte ich meine Blauen Wiener, obwohl ich zugeben muß, daß sie mit dem "Polizeichef" noch nicht allzuviel Ähnlichkeit hatten, aber das war mir in diesem Augenblick egal, Hauptsache der Anfang war gemacht.

Nach zwei Jahren Blaue Wiener Zucht mit mehr oder weniger Erfolg, mußte ich feststellen, daß zwölf Buchten eigentlich zu wenig sind und mir nicht die Möglichkeiten für einen vernünftigen Zuchtaufbau bieten konnten. In dieser Situation hatte ich das große Glück, einen Vorstand in unserem Verein zu haben, der mich und mein "Treiben" genau beobachtet hatte, und mir so völlig unerwartet als erstem jugendlichen (mit 15 Jahren) in unserer Farm eine eigene Zuchtanlage anbot, was mir natürlich ganz neue Perspektiven eröffnete.

Mit den Jahren wuchs nicht nur ich, sondern auch meine Zuchtanlage, so daß ich schnell über 66 Buchten verfügte. Daß meine Entscheidung damals keine kindliche Laune war, zeigt sich sicherlich in der Tatsache, daß ich noch heute - 20 Jahre später - meiner Rasse treu geblieben bin und ich sie trotz einiger Rückschläge nie freiwillig aufgeben würde.

Blaue Wiener

Martin Horn,
Erstveröffentlichung: 11-1999

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